
ich bin inzwischen studentin im 10. semester und damit eigentlich auch ganz glücklich (kein blutiger anfänger mehr, aber bis zum endgültigen beginn vom ernst des lebens ist noch ein bisschen schonfrist). mit der berufsbezeichnung "studentin" kann ich mehr als gut leben. in den letzten wochen jedoch entwickle ich mich immer mehr zur überzeugten studentenhasserin.
teil des studentenlebens eines angehenden mediziners ist es, zeit auf verschiedenen stationen zu verbringen. einmal in form von blockpraktika und einmal im uak (unterricht am krankenbett). meistens kommt man also am frühen morgen auf die jeweilige, im stundenplan angegebene station (und bei kryptischen codes wie "N.N., O10/4.OG/SR 411 (04.1.070.1)" ist dieser erste schritt gar nicht mal unbedingt zu verachten). die 2. aufgabe besteht darin, dort einen arzt zu finden. diese halten sich bevorzugt im arztzimmer auf, das in den allermeisten fällen aber nicht leicht zu finden ist. also spricht man als höflicher student zunächst mal den erstbesten weißgekleideten menschen an, der einem auf dem flur begegnet. nach relativ kurzer zeit wird es einem gelingen, die putzfrauen dabei zu ignorieren, also trifft es in den allermeisten fällen irgend eine genervte krankenschwester. versteht mich nicht falsch, ich hab mir ein halbes jahr in der krankenpflege was dazuverdient und stand danach kurz vor dem burn-out, ich hab also durchaus respekt vor dem beruf. wenn man diesen als student allerdings im gegenzug auch erwartet wird man bitter enttäuscht werden. in 2/3 der fälle wird man einfach wie luft behandelt, wenn man glück hat wird einem wenigstens ein gelangweiltes "keine ahnung wo der arzt ist" an den kopf geschmettert. hat man dann endlich doch einen weißbekittelten assistenzarzt gesichtet, steht meistens erst mal blutabnehmen oder bei der visite mitlaufen an. zugegebenermaßen nicht die spannendsten aufgaben, ich hab mich dabei auch schon regelmäßig zu tode gelangweilt und mir nichts mehr gewünscht als dass jemand sich erbarmt und mir endlich die anwesenheit bescheinigt.
mein bild von diesen unterrichtsveranstaltungen wandelt sich jetzt, wo ich für 3 monate auf einer station mein wahlfach mache, allerdings grundlegend. ich könnte diesen faulen, unmotivierten und pausenlos rumjammernden blockstudenten jeden morgen die fresse polieren. was zur hölle ist so kompliziert daran, mal ein paar röhrchen blut abzunehmen, noch dazu wo bei uns in der psychiatrie hauptsächlich junge leute mit perfekten venen liegen, und dabei den patienten annähernd wie einen menschen zu behandeln?!
heute hat mich so ein klugscheißender kleiner penner im 6. semester um unterstützung bei der blutentnahme gebeten (weil er das noch nicht so oft gemacht hat - na meinetwegen. ich weiß zwar nicht was händchenhalten da groß helfen soll, aber bitte). der patient wäre schon beim wort blutentnahme am liebsten weggerannt. insgesamt musste er den studenten 4 mal bitten, doch über etwas anderes als BLUT zu reden. der war anscheinend aber zu stolz auf seine leistung, die vene getroffen zu haben und schnatterte immer wieder davon, wie toll das blut fließen würde. immerhin hatte ich dafür gesorgt, dass der arme patient sich für die prozedur hinlegen durfte.
die krönung kam aber erst noch. dank der modernen röhrchen ist so eine blutentnahme (bei einigermaßen guten venenverhältnissen und bei der wahl der richtigen kanüle) gut in einer halben minute zu erledigen. in den röhrchen herrscht so viel unterdruck, dass man nur am stöpsel ziehen muss, und schon fließt es. der junge herr student wollte von dieser möglichkeit nicht gebrauch machen, denn er habe in klinischer chemie gelernt, dass dadurch die erythrozyten kaputt gehen und die werte verfälscht werden können (was er mir, auf meinen vorsichtigen kommentar, er könne das auch schneller machen, hin, selbstgerecht und völlig entgeistert vorpredigte). also ließ er den armen patienten mit nadel im arm auf der untersuchungsliege liegen während das blut in zeitlupe in die röhrchen floss. ich hätte ihm am liebsten eine runtergehauen.
aber wahrscheinlich sollte ich dankbar sein, dass heute überhaupt jemand außer mir sich der blutentnahmen angenommen hat. ist leider auch nicht selbstverständlich.
* oder ist es inzwischen schon soweit, dass diese formulierung nicht mehr politisch korrekt ist? wird das hier jetzt von der bildzeitung registriert, damit man später mal sagen kann, man hätte es ja alles vorher gewusst? btw war ich auch mal in psychiatrischer behandlung, nur so zur info. also quasi selbst schuld wenn ihr mich frei rumlaufen lasst. jeder weiß doch schließlich, wie gefährlich wir depressiven sind.

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